Erinnerungen an Oberelvenich, 1935 - 1945

Martha Herrmann, geb. Niemeyer

Geboren wurde ich 1931 in Boddert am Rhein, zog aber im Jahre 1935 mit meinen Eltern nach Oberelvenich, da mein Vater dort einen landwirtschaftlichen Betrieb kaufte. Dieser befand sich in der damaligen Hauptstraße, später Bollheimer Straße auf der rechten Seite. Leider verkaufte mein Vater später dieses Anwesen an Herrn W., welcher Haus, Hof und Ställe abriss und ein Haus dort baute.

Meine Kindheit war stets von schwerer Arbeit geprägt, denn da ich ein Einzelkind blieb musste ich mit meiner Mutter neben Haus und Tiere versorgen auch auf die Felder. Auf die Ferien konnte ich mich nie freuen.


1937 wurde ich eingeschult. Dies geschah damals kurz nach Ostern. Als dann zwei Jahre später der 2. Weltkrieg ausbrach, wurde der Schulweg für uns sehr gefährlich. Denn oft mussten wir auf dem Weg zur Schule oder umgekehrt bei Fliegeralarm schnell irgendwo Unterschlupf finden. Während des Krieges hatten wir so manches Mal “Besuch” von der Waffen–SS, die auf dem Durchmarsch zum nächsten Einsatz waren. Einmal war sogar die Gestapo bei uns um sich etwas “nebenbei zu verdienen”. Dies waren dann Pelze, Schmuck u.ä., welches einst den jüdischen Bürgern gehörten und diese nun weiterverkaufen wollten. Unser Küchentisch war fast nicht mehr zu sehen, so stapelten sich die edlen Pelze darauf. Allerdings konnten die beiden Männer meiner Mutter nichts davon verkaufen. Sie fragte noch, woher die Pelze und Schmuck denn wären. Darauf bekam sie jedoch nur ein knappes “Das geht Euch nichts an” zu hören.


Irgendwann wurden uns zwei polnische Zwangsarbeiter zugewiesen, die wir heimlich im Haus wohnen ließen.

Als die ersten Bomben auf Köln fielen, zog meine Großmutter bei uns ein. Sie fürchtete sich zu sehr. Allerdings gab es mit ihr viele Probleme, da sie das Arbeiten nie gewohnt war. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass wir ihr kein Frühstück ans Bett bringen werden, und dass sie uns auf Feld und in den Ställen zu helfen habe.


Einmal fuhr ich mit meiner Mutter und Oma mit der EKB (Euskirchener Kreisbahn) von Oberelvenich nach Euskirchen. Meine Großmutter wollte mir was kaufen – ich freute mich wie Jeck. Doch auf dem Weg nach Euskirchen, wir waren schon fast am damaligen Bahnhof der EKB in der Gansweide, gab es Fliegeralarm. Alles rannte schnellstens aus dem Zug in das kleine Wartehäuschen hinter dem Bahnhof, (später hieß die Gaststätte “Halve Meyer”, der kleine Warteraum existiert heute längst nicht mehr). Meine Mutter und Oma waren nicht so schnell, und so bekamen wir keinen Platz mehr im Bahnhof und auch nicht mehr im Warteraum. Uns blieb nichts anderes übrig und mussten hinter diesem in einen Graben und uns hinhocken. Die Erde zitterte wie wir, da wir ständig die Angst hatten von der tödlichen Fracht der Alliierten getroffen zu werden. Danach mussten wir wieder nach Hause fahren, denn die Geschäfte blieben geschlossen.


Der 8. April 1944, ein Karsamstag, sollte uns auf ewig im Gedächtnis bleiben, denn er wurde zu einer blutigen Katastrophe!

Auf dem Weg von Euskirchen nach Liblar wurde die EKB bei Mülheim - Wichterich schwer beschossen. Es gab viele Tote zu beklagen, lediglich eine Person überlebte den Angriff! Zeugen erzählten uns, dass das Blut der Fahrgäste aus den Türen rauskam!


Eine Woche später mussten wir auf Anordnung nach Mülheim, um den Toten auf dem Friedhof in Wichterich die letzte Ehre zu erweisen.

Am Heiligen Abend 1944 konnten wir zwar hören das nachmittags mal wieder Jagdbomber am Himmel kreisten, doch deren Ausmaß erfuhren wir erst am nächsten Tag. Man erzählte uns, dass Zülpich “gefallen sei”. Sogar die Kirche läge am Boden, unter ihren Trümmern der damalige Oberpfarrer von Lutzenberger. Wir waren fassungslos und entsetzt!


Im Januar 1945 befand sich auf den Gleisen zwischen Ülpenich und Dürscheven ein Munitionswagen. Diesen beschossen die Alliierten und durch die Druckwelle der Explosion zitterte unser Haus. Leider erlitt einer unserer Kühe dabei einen so großen Schrecken, dass wir sie notschlachten mussten. Das Tier war zu dem Zeitpunkt tragend. Ein Riesenverlust für uns.


Im März 1945 war ich gerade dabei unsere Gänse mit ihren Küken über die Straße auf die Wiese zu bringen, sah ich auf einmal einen amerikanischen Panzer die Straße auf mich zu fahren. Ich hatte schon die Befürchtung er würde meine Tiere überrollen, da hielt er an. Die Luke öffnete sich und ich sah den ersten Farbigen in meinem Leben. Er lächelte und gab mir das Zeichen meine Tiere schneller über die Straße zu treiben.


Bald darauf mussten wir Bewohner nach Zülpich zur Molkerei in die Bonner Straße. Dort gab es für uns neue “Ausweise”. Dafür mussten wir unsere Daten angeben, Fingerabdrücke und gut ist. Die Älteren wurden auf einem Karren nach Zülpich gefahren, wir Jüngeren mussten zu Fuß gehen. Leider lag an dem Tag recht viel Schnee und es war furchtbar kalt. Doch damit nicht genug! Mein Hund Bubi wollte unbedingt mit, was ich aber nicht wollte. Er jaulte, sprang an mir hoch, bis meine Freundin dann entnervt meinte, dann nimm ihn doch mit. Was soll schon passieren? Genug!


In Zülpich sind wir dann zuerst durch die Kölnstraße, die durch die Trümmer sehr eng war. Auf dem heutigen Kinat saß ein Ami auf einem Sofa. Er und seine Kameraden, die in der Stadt verteilt standen oder saßen versuchten mit uns jungen Mädchen in Kontakt zu kommen. Das wollten wir aber nicht. Auch wenn uns die Amis den Frieden brachten, so hatten wir schon etwas Angst vor ihnen. So mancher hatte uns gruselige Geschichten über die Soldaten erzählt. Waren sie wahr? Wir wussten es nicht. Als sie dann merkten, dass wir ihren “Annäherungsversuchen” widerstanden, versuchten sie meinen Hund mit irgendwelchen Leckereien zu locken. Das Tier war neugierig und zog in deren Richtung. Ich wiederrum zog an der Leine zu mir mit seinem Namen. Und den merkten sich die Amis. Durch die Münsterstraße riefen sie dann “Bubi”. Leider konnten wir wegen den Trümmern nicht so schnell gehen wie wir es getan hätten. Aber wir erreichten dann irgendwann endlich die Molkerei.

Dort fragte mich eine junge Frau warum ich meinen Hund mitgenommen hätte. Ich meinte zu ihr, der will auch einen neuen Ausweis. Sie verstand den Spaß und ich bekam meinen.


Wir hatten 1945 zuerst die kämpfende Truppe der Amis im Haus und versorgten sie mit Essen. Als dann der Versorgungstrupp bei uns war, revanchierten sie sich auf ihre Weise. Man gab uns braune “Körnchen” in eine Tasse, goss heißes Wasser drauf und ein weißes Pulver dazu. Es war Bohnenkaffee mit Milchpulver, oder auch Kaffeeweißer genannt. Wir tranken den ersten Nescafé unseres Lebens. Er schmeckte köstlich!

Eines Tages mussten sämtliche Bewohner des Dorfes aus ihren Häusern. Die Amis trieben uns raus und zu einer Stelle, an der man mehrere Leichen fand. Die Nazis hatten dort mehrere Zwangsarbeiter(?) hingerichtet. Die Amis waren sehr wütend und wir bestatteten die Toten dann.

Meine Großmutter wollte dann wieder nach Köln. Eines Morgens, mein Vater war aus der Gefangenschaft heimgekehrt, ist er mit seiner Mutter auf einem Karren Richtung Köln gefahren. Wirklich traurig waren wir nicht.

Martha Herrmann, geb. Niemeyer

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